Zur Geografie

Das Valle Maira liegt in den Westalpen, das ist jener Teil des Alpenbogens, der grob gesehen westlich der Linie Bodensee Comersee bis zum Mittelmeer verläuft, der südliche Abschnitt dieses Alpenteiles wird nochmals in die See- und Cottischen Alpen unterschieden. Frankreich und Italien teilen sich diese Berge, die Staatsgrenzen folgen größtenteils dem Alpenhauptkamm.

Von dieser Wasserscheide strömen mehrere Flüsse in Westostrichtung in die Poebene, der wichtigste und namens gebende ist eben der Po, der die verschiedenen Zuflüsse aufnimmt und in die Adria mündet. Einer seiner Zuflüsse ist der Maira (selten auch als die Maira bezeichnet), der aus den Cottischen Alpen kommt, knapp über 110 km lang ist, auf 1.652 m als Sorgente del Maira (Quelle der Maira) bei Saretto entspringt und dem Mariatal den Namen gibt. Kurz nach dem Städtchen Dronero, bei Busca, weitet sich das Tal, die Berge bleiben zurück und der Fluss läuft in die Ebene aus, dreht nach Norden und vereinigt sich bei Lombriasco mit dem Po. Das Tal selbst ist etwa 50 km lang, verläuft ziemlich genau in Westostrichtung, der untere Teil ist kaum verzweigt, während sich im oberen Teil einige durchaus beachtliche Nebentäler abgabeln.

Valle Maira / Geographie

Zur Geologie

Auf dem relativ kleinen Gebiet des Tales, seiner Berge und Gipfel, treffen wir auf die verschiedensten Gesteinsarten und geologischen Formationen. Wie andere Alpengebiete auch entstanden die Berge durch die Kollision von riesigen Erdschollen, Kontinenten, die zum Teil unter dem Meeresspiegel lagen, wo sich mächtige Sedimente gebildet hatten. Die Kollision führte zur Auffaltung und Überschiebung von Gesteinen, marine Kalkablagerungen und Riffgesteine, die sich in den Meeren entwickelten, traten an die Oberfläche und bildeten nach Erosion die Dolomitfelsen (250–60 Millionen Jahre) im Süden des Tales.

Der Talabschnitt zwischen Dronero und Stroppo wurde von der Kraft des fließenden Wassers in den Gneis und kristallinen Granit, beides alte (aus dem Permzeitalter, 300–250 Millionen Jahre) Umwandlungsgesteine, die durch Erstarren der Gesteinsschmelze bei unterschiedlichen Temperaturen und Druck in großer Tiefe entstanden, eingeschnitten. Ebenfalls aus diesem Erdzeitalter stammen die feldspathaltigen Plattenschiefer im oberen Talabschnitt um Acceglio. Überall sind die Auswirkungen der Gletschertätigkeit der letzten Eiszeit, die erst vor etwa 10.000 Jahren zu Ende ging, zu sehen: Trogtäler, Rand und Endmoränen, die kleine Bergseen aufstauen.

Valle Maira / Geologie

Flora im Mairatal

Das Tal hat eine kaum bewaldete, dichter besiedelte und von Äckern und Wiesen überzogene Sonnenseite und eine bewaldete, dunklere, weniger besiedelte „Schattenseite“. Das
Landschaftsbild ist von einer Jahrhunderte andauernden Nutzung durch die Landwirtschaft geprägt: In den Tälern und auf guten Böden werden seit jeher Obst und Ackerbau, in geringem
Ausmaß am Talanfang auch Weinbau betrieben. Durch Trockenmauern gestützte Terrassen für Getreideanbau und zur Gewinnung von Mähwiesen ziehen sich fast bis zur Baumgrenze in die Höhe, Steinlesehaufen weisen auf die mühsame Verbesserung der Böden hin. Im Sommer wird das Vieh auf die Almen aufgetrieben. Das Grünfutter von den Wiesen wird im Tal als Wintervorrat getrocknet und gelagert. Diese uralte Ordnung ist durch die Abwanderung, die Auflassung von Äckern und Mähwiesen und die Verpachtung der Almen an Tierbesitzer von außerhalb des Tales etwas aus dem Lot geraten.

Auf kurzer Distanz treffen wir auf die unterschiedlichsten Vegetationszonen, vom wärmeliebenden Buschwald bis zu den Vertretern der alpinen Flora, wo Polster und Rosettenpflanzen bis zu den Dreitausendern klettern und sich in Spalten und Rissen vom nackten Fels fest krallen und dabei extremer Kälte, Hitze und Trockenheit trotzen. Weil in relativer Nähe sowohl kalkhaltige als auch silikathaltige Gesteine und somit Böden anzutreffen sind, bildet sich eine überaus artenreiche Alpenflora aus, ein Paradies für Blumenliebhaber. Für den Botaniker besonders interessant ist der Reichtum an endemischen Pflanzen.

Valle Maira / Enzian

Fauna im Mairatal

Im Tal leben fast alle Tiere, die im Alpenraum ihr Habitat haben, vom Hirsch über das Reh zur Gämse und nach der Wiederansiedlung auch der Steinbock. In den Bergen nistet der Adler, auch der Bartgeier wurde wiede rgesichtet. Stark zugenommen haben zum Ärger der Landwirte die Wildschweine, deren Wühlspuren bis in den Wiesen und Äckern auf über 1.500 m zu sehen sind.

In den letzten Jahren ist auch der scheue Wolf wieder heimisch geworden, er ist aus dem nahe gelegenen französischen Nationalpark eingewandert.

Valle Maira / Murmeltier

Wirtschaft und Tourismus

Bis vor kurzem galt das Mairatal mit seiner extrem niederen Bevölkerungsdichte als das „schwarze Loch“ Europas. Die Bewohner wanderten ab, im Ausland oder in der Poebene gab es Arbeit und ein weniger beschwerliches Leben. Zurück blieben romantisch anzuschauende, aber fast leere Dörfer, in denen nur wenige alte Menschen lebten und die langsam verfielen. In den Orten am Talausgang sind einige mittlere und kleinere Industrie und Handwerksbetriebe angesiedelt, Baugewerbe, EWerke mit den dazugehörigen Stauwerken und Anlagen, öffentliche Einrichtungen und private Dienstleister bieten Arbeitsplätze an. Aber seit das Mairatal als Wanderregion entdeckt wurde, hat sich der Abwanderungstrend umgekehrt.

Langsam kehrt neues Leben in die Täler und alten Mauern ein, der sanfte Tourismus schafft zusätzliche Einkommensmöglichkeiten. Es begann in den achtziger Jahren mit dem GTA (Grande Traversata delle Alpi) einem alpenquerenden Weitwanderweg, der durch das Mairatal führte und an dem etliche Etappenposten eingerichtet wur den. Fast gleichzeitig wurde im Tal ein Talrundweg angelegt, die „Per corsi Occitani“, als PO mit gelben Markierungen ausgeschildert, der auf 15 Etappen die vielen Weiler und Almen auf den alten, ausgebesserten und gekennzeichneten Maultierpfaden und Steigen verband. An den Wegen und in den alten Dörfern wurden Trattorias und Unterkünfte eingerichtet und im Laufe der Jahre immer weiter verbessert, ausgebaut und modernisiert.

Valle Maira / Landwirtschaft

Die Küche im Mairatal

Der aufmerksame Besucher wird neben den Naturschönheiten und kulturellen Besonderheiten auch die Küche des Tales schätzen lernen. Wer in die Kochtöpfe schaut, dem öffnet sich gleichzeitig ein Fenster zu ver gangenen Zeiten, zum Rhythmus der Jahreszeiten und den Lebens mitteln, die von Feld und Acker in Küche und Keller kamen. Was heute als raffinierte Delikatesse wie etwa eine delikate Wildkräutersuppe oder Kartoffelnocken mit Bergkäse auf die Teller kommt, war einst für die Bergbewohner ein kärgliches Essen und Ausdruck bitterer Armut.

Viele lokale Rezepte wurden inzwischen wiederentdeckt, aufgewertet, der neuen, kalorienbewussten Zeit angepasst und finden sich zur Freude von Einheimischen und Besucher auf den Speisekarten der Restaurants. Besonders interessant sind die Vorspeisen und Eintöpfe, darunter die dicken oder „trockenen“ Suppen (minestre asciutte), zu denen der Italiener auch die Nudelgerichte und Nocken (Gnocchi) rechnet. Dabei wird alles verkocht, was im Tal und in der Nähe wuchs und verfügbar war:
Verschiedene Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste, dann Buchweizen, Kartoffel, Reis, Mais, hier Polenta genannt, Kastanien, altbackenes Brot, Milch, Käse und Eier. Vegetarier haben mit diesen Zutaten die schiere Freude, Fleisch stand nur sehr selten am Speisezettel. Die Kunst der Köchin besteht darin, diese Zutaten zu mischen und zu variieren und in eleganten Menüs anzubieten. In den modernen Zeiten, wo alles was regional, saisonal und biologisch hoch im Kurs steht, ist die Küche ein Rädchen im Motor, der den Tourismus im Tal antreibt.

Valle Maira / Pasta